DIE WELT online vom 01. 04. 1997 - Kultur Druckversion Yakuzas kämpfen um die Gunst der Leser Die Verlage sind bestens gerüstet: Mit der Comic-Spezialität des "Manga" will Japan den Weltmarkt erobern Von HANS-ARTHUR MARSISKE Japan rüstet sich für die Zukunft. Beim Kampf um den boomenden Multimediamarkt hat das Inselreich gute Aussichten auf einen besonders fetten Anteil, denn die Japaner verfügen über eine Wunderwaffe: den Manga, den japanischen Comic (man = spontan, ga = Bild). "In den japanischen Verlegerbüros", berichtet Andreas C. Knigge, Cheflektor beim Hamburger Carlsen-Verlag, "hängen Landkarten an der Wand, auf denen mit Pfeilen eingetragen ist, in welche Länder bereits wieviele Mangas exportiert werden." Das erklärte Ziel ist nicht weniger als die Entwicklung einer globalen Sprache, analog zu der von Hollywood geprägten, universell gültigen Filmsprache - nur mit weiter reichenden Konsequenzen: Aus dem Manga könnte am Ende eine Art Cyberalphabet und -grammatik hervorgehen. Erste Etappensiege im Wettstreit um den ultimativen Standard sind bereits zu verzeichnen. Ein entscheidender Durchbruch gelang vor einigen Jahren. "Akira", Otomo Katsuhiros monumentales Science-fiction-Epos über Militärexperimente mit paranormal begabten Kindern, war der erste Manga, der sich auf dem deutschen Markt behaupten konnte. Nach Erscheinen des ersten Bandes im April 1991 folgten bald weitere Serien. Mittlerweile kämpft eine ganze Armee von Cyborgs, Yakuzas und Samurais um die Gunst der ComicLeser und konnte dabei die von "Akira" geschlagene Bresche ständig erweitern. In den Programmen der größeren Comic-Verlage machen japanische Titel heute bereits zwischen 20 und 30 Prozent aus. Die Auflagen können sich neben denen europäischer Comics durchaus sehen lassen. Vom Bestseller "Akira" wurden pro Band etwa 20 000 Exemplare verkauft, andere Reihen liegen zwischen 4000 und 8000 Stück. Der Erfolg ist um so erstaunlicher, als der Manga dem westlichen Empfinden sowohl ästhetisch wie inhaltlich zunächst einmal sehr fremd ist. So sind japanische Comics fast ausschließlich in Schwarzweiß gezeichnet, auch "Akira" wurde für die Auslandsausgabe nachträglich koloriert. Während im westlichen Comic häufig mehrere Dialoge in einem Bild zusammengefaßt werden, löst der Manga die Handlung in viele Einzelbilder auf, die häufig ganz ohne Text auskommen. Kampfszenen können sich auf diese Weise leicht über 20 und mehr Seiten erstrecken. "Beim Manga stehen vor allem Energie und Geschwindigkeit im Vordergrund", erläutert Knigge. "Es geht um Audruck und Gefühl, viel stärker als etwa im europäischen Comic." Befremdlich sind auch die Helden und die Abenteuer, die sie erleben. Teenager in phantastisch gepanzerten Rüstungen halten ganze Armeen in Schach, Ninja-Kämpfer spotten mit akrobatischen Luftsprüngen den Gesetzen der Schwerkraft, Jugendliche mit hochgerüsteten Maschinenkörpern suchen ihre wahre Identität. Science-fiction-Serien wie "Xenon" oder "Battle Angle Alita" schildern pubertäre Allmachtsfantasien mit einer Hemmungslosigkeit, die von westlichen Lesern leicht als naiv oder gar lächerlich empfunden werden kann. Erst bei näherem Hinsehen erschließt sich hinter der vermeintlichen Naivität eine faszinierende, fremde Gefühlswelt, die oft genug eine große visionäre Kraft entwickelt. So läßt sich "Akira" nicht nur als Action-Geschichte lesen, sondern auch als tiefgründiger Diskurs über das Erwachsenwerden der Menschheit im Zeitalter der Atomwaffen. "2001 Nights" spekuliert über die Zukunft der Menschheit im Weltall, während Ninja- und Samurai-Epen wie "Kamui" und "Okami" das historische Japan der Edo-Zeit lebendig werden lassen und ganz nebenbei buddhistische Lebensweisheiten vermitteln. Daß diese Botschaften zunehmend auch im Westen Gehör finden, mag zum Teil mit purer ökonomischer Kraft zu tun haben. Die japanische Comic-Industrie scheint jedenfalls rein quantitativ für die Eroberung des Weltmarkts bestens vorbereitet. "Rund 300 verschiedene Periodika sowie monatlich rund 400 Buchausgaben erscheinen in über 100 Verlagen, von denen die drei größten, Kondansha, Shueisha und Shogakukan, etwa zwei Drittel des Marktes dominieren", faßt Knigge in seinem Buch "Comics" die immense Bedeutung der Bilderbücher für Japan zusammen. "Die durchschnittlichen Auflagen liegen bei drei- bis fünfhunderttausend Exemplaren, doch auch Millionenauflagen sind durchaus keine Seltenheit. Das erfolgreichste japanische Comic-Heft, Shonen Jump, erscheint mit wöchentlich sechs Millionen Exemplaren." Fast ein Drittel aller japanischen Druckerzeugnisse sind Mangas. Etwa 2500 Zeichner, deren Arbeitspensum bis zu 20 Seiten pro Woche betragen kann, sind damit beschäftigt, die große Nachfrage zu bedienen. Die Japaner verschlingen die Mangas geradezu, zumeist während der oft mehrstündigen Bahnfahrten zur Arbeit oder Schule, mit Lesegeschwindigkeiten bis zu 16 Seiten pro Minute. Die eigentümliche Manga-Ästhetik mit ihrem rationellen Zeichenstil verdankt sich zum Teil diesem Zwang zur schnellen und massenhaften Produktion. Zum anderen kommt hier aber auch eine gänzlich andere kulturelle Tradition zum Tragen. "Mancher Japaner", erläutert die Japanologin Jacqueline Berndt, "versteht den Manga schon ganz unspektakulär als drittes Hieroglyphensystem neben den japanische Texte konstituierenden ursprünglich chinesischen Schriftzeichen und den japanischen Silbenalphabeten." Es leuchtet ein, daß eine Kultur, die seit über 1000 Jahren den Gebrauch ideographischer, aus Bildern abgeleiteter Schriftzeichen gewohnt ist, mit der Kombination von Text und Bild weniger Probleme hat als etwa die europäische mit ihren phonetischen Alphabeten, die die gesprochene Sprache wiedergeben. Aufgrund dieser Tradition erscheint Japan bestens präpariert für das kommende Jahrhundert, das vielfältigste Kombinationen von Informationen in unterschiedlichen Erscheinungsformen (Text, Bild, Klang . . .) verspricht. Eigentlich ist es kein Wunder, daß die erste Multimedia-Generation, die gerade heranwächst, sich für den Manga interessiert: Die japanischen Comics lehren die Grammatik und das Vokabular der Zukunft. Mangas, die auf deutsch vorliegen: Katsuhiro Otomo: Akira (Carlsen Verlag, bisher 20 Bände, jeweils ungefähr 29,80 Mark) Katsuhiro Otomo : Das Selbstmordparadies (Alpha Comic Verlag, drei Bände, jeweils 19,80 Mark) Hisashi Sakaguchi : Version (Edition Comic Speedline, bisher drei Bände, jeweils 22,80 Mark) Koike Kojima : Okami (Carlsen Verlag, bisher fünf Bände, jeweils ca. 26,90 Mark) Yoshikazu Yasuhiko : Venus Wars (Feest Comics, bisher zwei Bände, jeweils 16,80 Mark) Sho Fumimura / Ryoichi Ikegami: Sanctuary (Verlag Schreiber und Leser, acht Bände, jeweils 14,80 Mark) Zur aktuellen Channel-Übersicht Tagesübersicht Channel: Feuilleton Ressort: Feuilleton Erscheinungsdatum: 01. 04. 1997 URL: http://www.welt.de/daten/1997/04/01/0401ku87433.htx © DIE WELT online