[DIE WELT] ----------------------------------------------------------------- Animiertes für alle Arten Animierte In Japan ist eine eigenständige Zeichentrickkultur entstanden Von JÖRN HABERLAND Berlin - Als "Akira" Anfang der 90er Jahre in europäische und amerikanische Kinos kam, zog dieser Zeichentrickfilm viele Besucher in seinen Bann. Neue, für westliche Augen ungewohnte visuelle Konzepte sowie eine actiongeladene, düstere Story bewirkten, daß ein Genre, welches in deutschen Köpfen oft nur als "Heidi" oder "Kimba, der weiße Löwe" existierte, unter der Gattungsbezeichung "Anime" neues Interesse weckte. Anime ist schlicht das japanische Kürzel des englischen Begriffs "Animation (movie)". Während im Westen damit speziell Animationsfilme japanischer Produktion gemeint sind, nennt man in Japan selbst grundsätzlich alle Zeichentrickfilme Anime. Das Land kann diesbezüglich auf eine 30jährige Tradition zurückblicken. Die Anfänge lassen sich bis 1914 zurückverfolgen, doch erst im Nachkriegsjapan begann die eigentliche Periode des Anime. 1958 kam der erste farbige Anime in Spielfilmlänge in die Kinos, 1962 fing die erste animierte Fernsehserie an, die in fünfminütigen Folgen wöchentlich geschichtliche Ereignisse nacherzählte. Anfang 1963 startete die Ausstrahlung von "Mighty Atom", der ersten halbstündigen TV-Serie, die im Westen als "Atomboy" oder "Astroboy" bekannt ist. Die Geschichte dieses kleinen Roboterjungen, der mit seinen Kräften den Menschen hilft, hat bis heute nichts an ihrer Beliebtheit eingebüßt. Ihrem Schöpfer, dem 1989 verstorbenen Tezuka Osamu, gebührt die Anerkennung, Wegbereiter dieser Branche gewesen zu sein. In Japan als "Gott der Comics" verehrt, schuf er in ca. 40 Jahren rund 150 000 Seiten Manga und wirkte an über 60 Animes mit, wobei er oft neue Wege der Erzählstruktur und der graphischen Gestaltung beschritt. 1963 starteten sieben weitere Fernsehserien, bis heute sind es über 1000 geworden. Gegenwärtig werden jährlich 70 Serien ausgestrahlt, pro Woche 35. Komödien stehen bei den Zuschauern in der Beliebtheitsskala ganz oben. Ein Dauerbrenner ist die hauptsächlich auf Situationskomik beruhende Serie "Sazae-San". Seit dem Start im Oktober 1969 wurden bisher über 1400 Folgen gesendet, die durchschnittliche Einschaltquoten von sagenhaften 25 Prozent (1995) erreichen. Außerdem kommen jährlich rund 40 bis 50 Anime in Spielfilmlänge in die Kinos, insgesamt bisher über 600. Die Einspielergebnisse von Topfilmen können durchaus mit Hollywoodproduktionen oder Disney mithalten. "Porco Rosso", ein Film des Erfolgsregisseurs Miyazaki, schaffte 40,5 Millionen Mark. Zum Vergleich: "Lion King" kam auf nur 30 Millionen Mark. Daneben gibt es den wichtigen Bereich der Original Video Animation (OVA). Sie werden seit 1983 produziert und sind ausschließlich für den Verkauf (oder Verleih) als Video beziehungsweise Laserdisc bestimmt. Dies erlaubt es den Produzenten, gezielt kleinere Publikumsgruppen anzusprechen. Jährlich erscheinen über 100 verschiedene Titel. Anime und Manga sind in Japan als Unterhaltungsmedien weithin anerkannt. Geschäftsleute, die in der U-Bahn Comics lesen, gehören zum Alltag. Mit den Serien, die jahrelang - manchmal auch jahrzehntelang - laufen, altert das Publikum mit. Die Japaner beweisen, daß nicht jeder Animationsfilm ein Märchen für Kinder sein muß. "Akira" ist das beste, sicher auch bekannteste Beispiel. Aber nur ein geringer Teil der Anime, vorwiegend OVAs, schafft den Sprung über den großen Teich zu uns. Wer aus dem im Westen Gezeigten schlußfolgert, alle Anime handelten von fliegenden Riesenrobotern oder bestünden nur aus Sex und Gewalt, kennt nur einen Teil der Wahrheit. Die Themenvielfalt ist schier unerschöpflich, es gibt Komödien, romantische Liebesgeschichten, SciFi, Krimi, Fantasy, aber auch Drama, Sport oder Geschichte. Der Erfolg von Anime in Japan steigt und fällt mit ihren Hauptfiguren, deren Handlungsmotive und Entscheidungsmöglichkeiten ebenso im Mittelpunkt stehen wie ihre charakterliche Entwicklung. Jugendliche Helden, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen, und selbstlose Hilfe für Notleidende sind - in Themen wie Science Fiction oder Fantasy eingebettet - immer wieder zu finden. Von Europäern ziemlich unbemerkt hat sich in Japan eine Kultur entwickelt, die man getrost als Japans ersten wirklichen Kulturexport bezeichnen kann. Die experimentierfreudigen japanischen Animestudios haben in den letzten Jahren phantastische Geschichten und Zukunftsvisionen, mal heiter mal pessimistisch, mit bestechender Erzählweise und Graphik sowie durchdachtem Design geschaffen, die von der wachsenden Fangemeinde im Westen begierig aufgenommen wurden. Um Anime herum ist eine ganz eigene Jugendkultur entstanden. Titelsongs von Anime sind oft weit oben in den japanischen Popcharts zu finden. Unmengen von Merchandisingartikeln decken jeden Bedarf. Synchronsprecher sind nationale Stars und auf ewig mit den Charakteren verbunden, denen sie einmal ihre Stimme geliehen haben. In Zehntausenden von Gruppen zeichnen in ganz Japan Fans qualitativ oft sehr gute Comics in Eigenregie, in denen die Geschichten weitergesponnen oder in völlig andere Kontexte gebracht werden. An der größten Fan-Comicbörse, die zweimal jährlich in Tokio stattfindet, beteiligen sich über 100 000 Menschen. Die Grenzen zwischen Anime, Manga und Computerspielen sind fließend geworden. Kommerziell erfolgreiche Comics werden als Anime verfilmt, später kommt dann das dazugehörige Spiel auf den Markt. Doch auch der umgekehrte Weg ist möglich. Aus erfolgreichen Computerspielen entstehen Manga und/oder Anime. Populäre Zeichner arbeiten in drei Bereichen. Comicverfilmungen als Realfilme à la Hollywood - mit entsprechend teuren Computereffekten - sind in Japan eher die Ausnahme. Aber auch im Anime hält die Verwendung von Computergraphiken Einzug. Bestes Beispiel ist die japanisch-englische Koproduktion "Ghost in the Shell", in der traditionelle Cel-Animation wirkungsvoll mit Computergraphiken verbunden wurde. In Deutschland war "Ghost in the Shell" erstmals auf der Berlinale 1996 zu sehen. Im deutschen Fernsehen werden gute Ansätze meist vertan. In RTL 2 laufen im Nachmittagsprogramm viele japanische Serien, die teilweise noch aus den 60ern oder den 70ern stammen. Wird doch einmal eine gute Serie gesendet, geht sie im Dauerangebot an japanischen Billigserien gnadenlos unter, so geschehen mit "Die Macht des Zaubersteins". Das ZDF verbannte "Sailormoon", eine in Japan sehr erfolgreiche Serie, erst auf Samstag morgen und nahm es schließlich ganz aus dem Programm. Wenn einfach versucht wird, japanische Publikumsrenner zu übernehmen, ohne kulturelle Besonderheiten und Hintergründe zu berücksichtigen sowie die Qualität zu prüfen, sind Mißerfolge auf dem deutschen Markt abzusehen. Das erste deutsche Manga-Festival läuft vom 30.1. bis 5.2. in den Berliner Kinos "Eiszeit" und "Central"; Informationen: (030) 2 38 64 82. Copyright: DIE WELT, 28.1.1997